Die Hochschule Coburg, Universität Bamberg und Handwerkskammer für Oberfranken starten eine bundesweit einzigartige Kooperation und bieten ab dem Wintersemster 2026 einen Studiengang an, der in der Tradition der Dombauhütten Handwerk und Wissenschaft eng miteinander verbindet.
In vielen Jugendstilhäusern waren die Treppenhäuser einst reich mit Ornamenten und Bildern geschmückt. „Nach dem Zweiten Weltkrieg musste schnell und kostengünstig renoviert werden“, erzählt der Coburger Kreishandwerksmeister und Kirchenmaler Jens Beland. „Damals hieß das: Raufaser drauf und fertig.“ Mit den Übermalungen verschwanden nicht nur die Dekorationen, sondern auch das Wissen um ihre Herstellung.
„Aber mein Uropa hat alles aufgeschrieben. Zum Beispiel, wie die traditionellen Farben angemischt werden“, berichtet Beland, der bereits mehrere Jugendstil-Malereien in Coburger Gebäuden rekonstruiert hat. An diesem Vormittag steht er jedoch nicht in einem Altbau, sondern in einem hellen Seminarraum der Hochschule Coburg mit Blick über die Stadt. Anlass ist ein Projekt, das weit über einzelne Restaurierungen hinausgeht.
Forschung und Praxis, Bachelor und Gesellenbrief
Vertreter aus Wissenschaft und Handwerk unterzeichnen die Kooperationsvereinbarung für den neuen Bachelorstudiengang „Bauerhalt und traditionelle Werktechniken“, der zum Wintersemester 2026 startet. Das Besondere: Er kombiniert eine handwerkliche Ausbildung mit einem wissenschaftlichen Studium an der Hochschule Coburg und der Universität Bamberg.
Die Zusammenarbeit der Hochschule Coburg, der Universität Bamberg und der Handwerkskammer für Oberfranken (HWK) ist in dieser Form bundesweit neu. Vorbild sind historische Dombauhütten, in denen Planung, Ausführung und verschiedene Gewerke eng verzahnt waren. Ziel ist es nun, Wissen über traditionelle Techniken zu bewahren und dieses zugleich auf aktuelle Herausforderungen wie das nachhaltige Bauen und den wachsenden Bedarf an Umbau im Bestand zu übertragen.
Hochschule Coburg und Universität Bamberg vertiefen Partnerschaft
Für die Hochschule Coburg ist der neue Studiengang ein logischer Schritt in der Weiterentwicklung ihrer Profile. Seit zehn Jahren bieten die Hochschule Coburg und die Universität Bamberg gemeinsam den Masterstudiengang „Digitale Denkmaltechnologien“ an. Der neue Bachelorstudiengang ergänzt an der Fakultät Design + Bauen bestehende Angebote wie Architektur und Bauingenieurwesen und erweitert das Portfolio durch eine neu eingerichtete Stiftungsprofessur etwa um Themen wie barrierefreies Bauen. „An der Schnittstelle zwischen Handwerk und akademischer Welt entsteht hier eine spannende, zukunftsträchtige Ausbildung“, sagt Hochschulpräsident Prof. Dr. Stefan Gast.
Auch die Universität Bamberg bringt ihre wissenschaftliche Kompetenz gezielt ein – insbesondere über das Kompetenzzentrum für Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien (KDWT). Der neue Studiengang verknüpfe Forschung, Lehre und Praxis in besonderer Weise: „Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse fließen direkt in die Ausbildung ein und werden anwendbar, zugleich erhält die Forschung wichtige Impulse aus der Praxis“, erklärt Universitätspräsident Prof. Dr. Kai Fischbach. „Dieser enge Austausch schafft eine fundierte, praxisnahe Lehre und trägt zum Erhalt kultureller Bausubstanz bei.“
Fachkräftemangel im Handwerk: Nachfrage nach Spezialwissen steigt
Die Handwerkskammer für Oberfranken sieht in dem Studiengang eine Antwort auf tiefgreifende Veränderungen im Berufsfeld. „Für uns gab ein Gespräch mit dem Staatlichen Bauamt Bamberg vor einigen Jahren den Anstoß“, erinnert sich HWK-Präsident Matthias Graßmann. Schon damals fehlten geeignete Fachkräfte für komplexe Arbeiten, etwa am Bamberger Dom. „Überall sind Fachkräfte gefragt, die praktische Fähigkeiten mit betriebswirtschaftlichem und planerischem Wissen verbinden. Weil die Babyboomer in Rente gehen, verlieren wir sehr viel Know-how. Der profunde Erfahrungsschatz der älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist von heute auf morgen weg“, so Graßmann.
Obwohl viele Betriebe volle Auftragsbücher haben, fehlt häufig eine Nachfolge. „Der Bachelorabschluss ist auch eine Unternehmerausbildung für Menschen, die eine Betriebsübernahme planen“, erklärt HWK-Hauptgeschäftsführer Reinhard Bauer. In Kombination mit dem Gesellenbrief eröffne der Abschluss neue Wege in die Selbstständigkeit.
Parallel wandelt sich der Bausektor grundlegend: Ressourcenknappheit, Klimaschutz und steigende Baukosten rücken Sanierung und Umbau immer stärker in den Fokus, erläutert HWK-Geschäftsführer Rainer Beck. Damit steigt der Bedarf an Spezialwissen im Umgang mit historischer Bausubstanz. Traditionelles Know-how – wie das von Jens Belands Uropa über das Anmischen von Farben – wird im Studiengang gesichert, wissenschaftlich reflektiert und gemeinsam mit dem Handwerk weiterentwickelt. So entsteht eine Ausbildung, die das kulturelle Erbe bewahrt und gleichzeitig Antworten auf die Bauaufgaben der Zukunft gibt.
Informationen zum Studiengang
Eine Einschreibung fürs Wintersemester ist ab jetzt möglich. Weitere Informationen unter www.hs-coburg.de/bauerhalt-werktechniken/ und unter https://www.uni-bamberg.de/ba-bau-werk/
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