Nachhaltige Gebäude sind mehr als „energiesparend“: Sie verbinden Ökologie, Wirtschaftlichkeit und Komfort über den gesamten Lebenszyklus. Und Zertifizierungssysteme wie DGNB, LEED und BREEAM machen sie erfolgreich.
Die Inhalte in diesem Beitrag stammen aus dem Fachbuch Atlas Gebäudetechnik , herausgegeben von Jörn Krimmling.
Eine anspruchsvolle energetische Gebäudegestaltung zielt hauptsächlich auf eine möglichst hohe ökologische Bauqualität für das Gebäude ab. Werden zusätzlich auch ökonomische und soziokulturelle Qualitäten berücksichtigt, so wird vom Konzept der nachhaltigen Gebäude gesprochen. Entscheidend ist hierbei die Ausgewogenheit. Ein Gebäude ist nicht per se als nachhaltig anzusehen, wenn es eine sehr hohe ökologische Qualität besitzt, dafür aber sehr teuer und unwirtschaftlich ist. Dieser Gestaltungsansatz hat mittlerweile eine hohe praktische Bedeutung erlangt, da die Nachfrage nach nachhaltigen Gebäuden am Immobilienmarkt auch im Bereich institutioneller Investoren steigt. Außerdem ist die öffentliche Hand zunehmend bestrebt, das Nachhaltigkeitskonzept umzusetzen.
Der Begriff der Nachhaltigkeit geht auf Hans Carl von Carlowitz (1648 bis 1714) zurück. Von Carlowitz, ein hoher kursächsischer Bergbaubeamter und damit verantwortlich für die Forstwirtschaft, veröffentlichte 1713 die Schrift „Sylvicultura Oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“, in der er u. a. folgenden Satz schrieb:
„Wird derhalben die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiß, und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen, daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine unentbehrliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.“
(Carlowitz, 2009, S. 69)
Nach heutigem Verständnis ist ein Produkt, ein Prozess oder eben ein Gebäude nachhaltig, wenn einem dreifachen Anforderungskomplex möglichst ausgewogen entsprochen wird. Dabei geht es um die folgenden Kategorien:
- ökologische Anforderungen
- ökonomische Anforderungen
- soziokulturelle Anforderungen
Die ökologischen Anforderungen zielen auf einen möglichst geringen Verbrauch an fossilen Primärenergieträgern, geringe Schadstoffemissionen und einen geringen Verbrauch an sonstigen Ressourcen ab. Bei Gebäuden spielt dabei vor allem der Energieverbrauch in der Nutzungsphase eine Rolle, aber auch jener für die Herstellung von Baumaterialien.
Bei den ökonomischen Anforderungen geht es um Fragen der Wirtschaftlichkeit. Bei Gebäuden kann dabei das Kriterium der Lebenszykluskosten als Bewertungsmaßstab verwendet werden. Dieser Ansatz ist nicht prinzipiell neu, er findet sich auch in den finanzmathematischen Verfahren für die Investitionsbewertung; seine Integration in einen ganzheitlichen Bewertungsansatz führt aber auf eine neue Qualität.
Die soziokulturellen Anforderungen umfassen Themen wie die thermische Behaglichkeit, die Luftqualität oder die Schadstoffbelastung – aber z. B. auch Fragen der Barrierefreiheit oder des Fahrradkomforts im Gebäude.
Das Thema der nachhaltigen Gebäude hat einen sehr engen Bezug zum Facility Management, da sich beide Themengebiete stringent am Lebenszyklus des Gebäudes orientieren. Pointiert ausgedrückt heißt das: Nachhaltige Gebäude und das Facility Management sind ohne den Lebenszyklusansatz nicht denkbar. In beiden Fällen wird die Gebäudegestaltung sehr stark aus Sicht der Nutzungsphase geprägt.
Einen hohen Stellenwert bei der Gestaltung nachhaltiger Gebäude besitzt die energetische Gebäudegestaltung, da durch sie sowohl der Primärenergiebedarf als auch die Lebenszykluskosten signifikant beeinflusst werden.
Die Nachfrage am Immobilienmarkt nach nachhaltigen Gebäuden wächst ständig, da diese Gebäude für Eigentümer und/oder Nutzer praktische Vorteile wie höhere Verkaufspreise, höhere Mieteinnahmen, aber auch signifikant geringere Betriebskosten und bessere Nutzungsbedingungen bieten. Für den Handel mit nachhaltigen Gebäuden werden entsprechende Bewertungssysteme benötigt, anhand derer Käufer bzw. Verkäufer die erwarteten Eigenschaften zweifelsfrei und objektiv beurteilen können. Weltweit wurden dafür mittlerweile eine Reihe von Zertifizierungssystemen entwickelt. Die Entwicklung und Verbreitung der Zertifizierungssysteme wird durch den World Green Building Council koordiniert und begleitet. Ungeachtet der vorhandenen Vielzahl lassen sich drei Zertifizierungssysteme aufgrund ihrer internationalen bzw. nationalen Bedeutung herausstellen:
- LEED, entwickelt in den USA
- BREEAM, entwickelt in Großbritannien
- DGNB bzw. BNB, entwickelt in Deutschland
Das LEED-System (Leadership in Energy and Environmental Design; eingeführt 1998) ist gegenwärtig das bekannteste System und hat vor allem für den internationalen Handel Bedeutung.
Das BREEAM-System (Building Research Establishment Environmental Assessment Method; eingeführt 1990) ist das mittlerweile älteste System, nach dem bisher auch die meisten Gebäude zertifiziert worden sind. Es besitzt vor allem Bedeutung für Handelsimmobilien, insbesondere wenn diese für internationale Transaktionen interessant sind.
In Deutschland wurde 2008 von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ein eigenes Zertifizierungssystem auf den Markt gebracht. Mittlerweile gibt es dieses Zertifizierungssystem in zwei Ausprägungen:
- DGNB-System
- BNB-System
Beide Systeme haben einen gemeinsamen Ursprung, sich aber in den vergangenen Jahren auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt: Das DGNB-System wird von der DGNB geführt und steht nur Mitgliedern bzw. speziell ausgebildeten Auditoren zur Verfügung sowie den Bauherren, die ihr Gebäude nach dem System zertifizieren lassen wollen. Das BNB-System dagegen ist frei verfügbar und wird vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen administriert ( Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen ).

Buchtipp: Atlas Gebäudetechnik
Der Atlas Gebäudetechnik ist das umfassende Nachschlagewerk für die gesamte Haustechnik: Es gibt einen Überblick über die Grundlagen und Einsatzbereiche technischer Anlagen und stellt neue, innovative Systeme detailliert vor. Damit hilft der Atlas bereits in frühen Planungsphasen bei der Wahl der richtigen Gebäudetechnik je nach Gebäudeart und Nutzung und unterstützt die integrale Planung.
Anhand von 700 Zeichnungen, Diagrammen und über 170 Tabellen erläutern die Autoren die grundlegenden Funktionsprinzipien und informieren über Anforderungen, Konstruktionen, Kosten und Leistungsdaten. Praxisbeispiele und zahlreiche Fotos erklären die verschiedenen Systeme.
Quelle: Atlas Gebäudetechnik, erschienen 2021, aktualisiert April 2026